Die landwirtschaftliche Primärproduktion bildet das Rückgrat der kritischen Infrastruktur Ernährung. Ohne funktionsfähige landwirtschaftliche Betriebe und eine auch im Krisenfall aufrechterhaltene Lebensmittelproduktion kann die Bereitstellung ausreichender Lebensmittelmengen bei großflächigen und länger andauernden Krisensituationen voraussichtlich nicht dauerhaft gewährleistet werden. Private und staatlich bevorratete Lebensmittel können in solchen Situationen lediglich eine kurzfristige Überbrückung ermöglichen. Der Nutztierhaltung kommt in Krisensituationen eine besondere Bedeutung zu, da tierische Lebensmittel wesentlich zur Kalorien- und Proteinversorgung der Bevölkerung beitragen. Zugleich sind Tierhaltungsbetriebe dauerhaft auf funktionierende Versorgungs-, Energie- und Techniksysteme angewiesen. Störungen und Ausfälle des normalen Betriebsablaufs können daher bereits innerhalb kurzer Zeit erhebliche Tierwohl- und Tierschutzprobleme verursachen und infolge andauernder Krisen auch die Versorgungssicherheit mit Lebensmittelversorgung beeinträchtigen.
Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag die Resilienz tierhaltender Betriebe gegenüber einem plötzlichen, großflächigen und länger andauernden Stromausfall (Blackout). Die Datengrundlage bildet eine bundesweite Onlinebefragung von 1.851 landwirtschaftlichen Betrieben mit Nutztierhaltung. Hierbei wird zunächst auf Basis des Konzepts der limitierenden Faktoren untersucht, welche betrieblichen Ressourcen und Funktionen im Blackout-Fall zuerst die Aufrechterhaltung zentraler Betriebsprozesse begrenzen. Betrachtet wird damit die modellbasierte Frage, wie lange ein Betrieb auf sich allein gestellt zentrale Funktionen der Tierhaltung aufrechterhalten könnte, bevor externe Unterstützung erforderlich wird. Darüber hinaus wird ein indikatorbasiertes Messmodell eingesetzt, um das betriebliche Resilienzniveau systematisch zu erfassen und zwischen Betrieben sowie Produktionsrichtungen vergleichbar zu machen.
Die Analysen beziehen insbesondere Wasser, Strom, Futter sowie Personal und betriebliche Organisation ein. Damit werden zentrale Voraussetzungen betrachtet, die im Krisenfall für die Fortführung der Tierhaltung und den Schutz der Tiere entscheidend sein können. Die bisherigen Ergebnisse weisen auf deutliche Unterschiede zwischen den Produktionsrichtungen hin. Viele tierhaltende Betriebe verfügen grundsätzlich über Voraussetzungen, um zentrale Betriebsfunktionen im Falle eines Blackouts zumindest kurzfristig eigenständig aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig zeigen sich je nach Betriebs- und Produktionsrichtung unterschiedliche Schwachstellen, unter anderem bei Futterreserven, Wasserversorgung, Notstromzugang, Treibstoffversorgung und organisatorischen Vorkehrungen. Die Analysen verdeutlichen zudem, dass ein insgesamt hohes Vorsorgeniveau kritische Schwächen in einzelnen Bereichen nicht zwangsläufig kompensieren kann.
Durch die Verbindung von Engpassanalyse und indikatorbasierter Bewertung lassen sich sowohl konkrete begrenzende Faktoren der betrieblichen Resilienz als auch übergreifende Resilienzmuster identifizieren. Der Beitrag macht damit einen bislang häufig wenig sichtbaren Bereich der kritischen Infrastruktur Ernährung empirisch fassbar. Zugleich zeigt er, dass Versorgungssicherheit im Bereich Ernährung nicht allein auf Ebene einzelner Betriebe oder technischer Schutzmaßnahmen gedacht werden kann, sondern entlang von Produktionsketten, Vorleistungssystemen und Unterstützungsnetzwerken betrachtet werden muss. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für betriebliche Vorsorge, Beratung, Notfallplanung und Krisenmanagement im Kontext der KRITIS Ernährung.